Stimmungen – Emotionen – Ausdrucksstärke

 

Stimmungsvolle Bilder in der Nacht, unauffällige Porträts von düsteren Gassen, Städteansichten im November, Konzertfotografie ohne Blitzlicht, Menschenfotografie jenseits von schönem Wetter – alles Themen, die eine spezielle Art der Fotografie beschreiben: die available light Fotografie, auf Deutsch: Fotografie mit vorhandenem, in diesem Kontext stehenden schwachem Licht.

Zieht man die Geschichte der Fotografie genau in Betracht, sind viele Klassiker unter einer der gerade genannten Bedingungen aufgenommen worden. Brassaï fotografierte das nächtliche Paris, Cartier Bresson gelangen absolut grandiose Reportagen unter den widrigsten Lichtbedingungen und Ken Schles dokumentierte in der Nacht das Geschehen in seinem Wohnbezirk innerhalb New Yorks über viele Jahre hinweg.

Gegenüber der Schönwetterfotografie und der lieblichen Formel „wenn die Sonne lacht, nimm Blende 8“ sind bei knappen Licht Wissen und Können gefragt, um stimmungsvolle Bilder zu fotografieren.

Kodak Portra 800 35mm @800

Der folgende Artikel nennt eine Übersicht über derzeit erhältliche Filme, Tipps zur korrekten Belichtung und viele Beispielbilder. Schwerpunkt ist in diesem Artikel die Fotografie ohne Stativ. Fineart Nachtfotografie mit Stativ im Kontext der Langzeitbelichtung wird in einem anderen Artikel von Sebastian Schlüter behandelt: https://www.meinfilmlab.de/einfuehrung-in-die-analoge-nachtfotografie/.

 

Die Ausrüstung: lichtstarke Objektive und passende Gehäuse

Fotografie aus der Hand bei wenig Licht verlangt nach lichtstarken Festbrennweiten. Günstige Zooms mit der größten Blendenöffnung von 4 oder 5.6 sind für diese Art der Fotografie nicht wirklich zu gebrauchen, weil die dann notwendige Zeit für eine korrekte Belichtung schnell im Sekundenbereich liegt. Mit einer Blende mehr kann die doppelte Menge Licht eingefangen werden. Im Vergleich zu einem Zoom mit Blende 4, lässt ein Standard 50 mm Objektiv mit Blende 1.4 die dreifache Menge Licht bei jeweils offener Blende passieren.

Fuji Venus 800 @800

Alle Hersteller von Kleinbildkameras bieten i. d. R. lichtstarke 35 mm und 50 mm Objektive zu passablen Preisen an. Der Unterschied zwischen günstigen Objektiven und beispielsweise einem teurem Leica Summilux liegt in der jeweiligen Vergütung und Korrektur. Bei Offenblende wirkt das Bokeh, d. h. die Unschärfe vor und hinter dem fokussierten Bereich, deutlich harmonischer und ruhiger als bei günstigen Objektiven. Faktoren wie die Vignettierung und Randunschärfe sind ebenfalls bei der Wahl der Linse zu berücksichtigen. Der Geschmack und der Geldbeutel entscheiden über die Güte des Objektivs der Wahl. Wichtig für die available light Fotografie ist die große Blendenöffnung, denn diese lässt eine Fotografie ohne Stativ zu, wenn das Licht knapp ist.

Das Gehäuse sollte beim Auslösen wenig Vibration erzeugen. Eine Domäne der availabe light Fotografie ist die Messsucherkamera M von Leica. Der horizontal ablaufende Tuchverschluss ist nicht nur extrem leise, sondern arbeitet auch erschütterungsarm. Weiterer Vorteil in der analogen Welt: Leica produziert aktuell drei Modelle für die Verwendung mit Film: die Leica MP, die M7 und die rein mechanische Leica M-A. Wer sich für eine 35 mm Spiegelreflexkamera interessiert, greift zur Nikon F6, die ebenfalls noch produziert wird. Der Gebrauchtmarkt bietet darüber hinaus eine enorme Fülle von geeigneten Systemen.

Mittelformatkameras sind auch sehr gut für die available light Fotografie einzusetzen. Jahrzehntelang dominierte die zweiäugige Rolleiflex diesen Bereich, die heute günstig gebraucht zu erwerben ist. Andere Mittelformatkameras eignen sich auch, sind aber unhandlich und laut beim Auslösen.

 

Kodak TX400 @800 35mm

Höchstempfindliche Filme

Aktuell bietet der Markt noch eine gute Auswahl an Filmen für die available light Fotografie an. Nicht jeder Film erreicht dabei die aufgedruckte Empfindlichkeit. Unter widrigen Lichtbedingungen kann mit höchstempfindlichem Filmmaterial gearbeitet werden, oder es werden hochempfindliche Filme gepusht.

Ilford Delta 3200

 

Mittlerweile der Klassiker unter den höchstempfindlichen Filmen. Der Ilford Delta 3200 überzeugt mit einer deutlichen, charmanten Körnung und ist für Kleinbild und Mittelformat lieferbar.

Laut Datenblatt ist es ein 1000 ASA Film (nach ISO, Tageslicht), der je nach Verarbeitung auf unterschiedliche Empfindlichkeiten angepasst belichtet und entwickelt werden kann. Exakt genau erreichen wir bei diesem Film 1250 ASA. Dennoch empfehlen wir die Verwendung mit 1600 ASA. Schnell genug für die meisten Motive bei schlechtem Licht. Bei 1600 ASA überzeugt der Ilford Delta 3200 mit sehr schönen Grauwerten und einem wundervollem, zurückhaltendem Kontrast. Da dieser Film eine weiche Lichterzeichnung innehat, werden Lichter mit nahezu voller Zeichnung widergegeben. Eine Belichtungsmessung sollte auf mittlere Grauwerte oder Schattenpartien erfolgen.

Reichen die 1600 ASA nicht aus, kann der Ilford Delta 3200 auch auf 3200 ASA belichtet werden. Diese Pushstufe zieht den Kontrast sichtbar an. Schatten verlieren an Zeichnung und die Lichter können, je nach Lichtquelle, sehr dicht werden. Mit einer angepassten Handentwicklung können auch 6400 ASA erreicht werden. Hierbei körnt es bei hohem Kontrast allerdings gewaltig.

Fuji Natura 1600

Der Fuji Natura 1600 ist der derzeit höchst empfindliche Kleinbildfilm und ein Geheimtipp. Ursprünglich wird dieser Film nur für den japanischen Markt produziert. Es findet sich aber der ein oder andere Importeur für diesen Film. Unter Tageslicht bescheinigen wir diesem Film echte 1600 ASA. Im Vergleich zum nicht mehr produzierten Superia 1600 sind die Farben beim Fuji Natura 1600 ausgewogener und die Körnung ist feiner.

Unter widrigsten Lichtbedingungen lässt der Natura 1600 noch wunderschöne Farbaufnahmen zu. Ist der Kunstlichteinteil sehr hoch, sollte beachtet werden, dass der Film seine Empfindlichkeit verliert. Unter reinen Kunstlichtbedingungen empfehlen wir die Belichtung auf 1000 ASA. Dennoch konnten wir unter schlechten Bedingungen sehr schöne Bilder unter Kunstlicht mit 1600 ASA fotografieren! Das Labor sollte dann entsprechend gut filtern können.

Kodak Portra 800

Ein Bollwerk und unserer Meinung nach der beste Film mit reellen 800 ASA bei Tageslicht. Wie alle anderen Portra Filme, basiert der Kodak Portra 800 auf der Vision Technologie von Kodak, die für exzellente Schärfe und Feinkörnigkeit steht. Dieser Film ist ein Garant für überzeugende Hautfarben. Der Kodak Portra 800 bietet darüber hinaus einen extrem hohen Belichtungsumfang und kann damit für einen jeweils eigenen Look gesteuert werden. Ohne einen zusätzlichen Pull oder Push Prozess kann der Kodak Portra 800 bis zu vier Blenden über- und eine Blende unterbelichtet werden. Maßgeblich für ein kontrolliertes Ergebnis ist hierbei die sichere Belichtung, die entweder auf mittlere Grauwerte oder Schatten zu erfolgen hat. Wie kein anderer Film in dieser Empfindlichkeitsklasse, lässt sich mit der Belichtung das Korn, der Kontrast und die Farbsättigung steuern.

Wird der Kodak Portra 800 auf 800 ASA belichtet, so bietet dieser Film ein schönes, aber noch feines Korn und satte Farben. Die Farbsättigung ist leicht höher im Vergleich zu einem Portra 400. Bei 800 ASA bietet der Film einen mittleren Kontrast, der Schatten und Lichter noch gut auflöst.

Wird der Kodak Porta 800 eine Stufe überbelichtet, reduziert sich die Körnigkeit deutlich, die Farbsättigung nimmt zu (bei noch natürlichen Hauttönen) und der Kontrast reduziert sich. Dieser Effekt kann mit jeder Blende zusätzlich gesteigert werden. Mit diesem Film kann jeder Fotograf seinen eigenen Stil festlegen, der durch den Umgang mit Licht und der angepassten Belichtung eigens definiert werden kann.

Ohne Push sind sogar ohne Probleme 1600 ASA möglich. Hierbei nimmt die Korngröße und der Kontrast deutlich zu und die Farbsättigung etwas ab.

Ein weiterer, großer Vorteil des Kodak Portra 800: Der Film ist nicht nur im Kleinbildformat, sondern auch als 120 Mittelformatfilm lieferbar.

Fuji Venus 800

Dieser Kleinbildfilm Film wird ebenfalls exklusiv für den japanischen Markt hergestellt und kann nur importiert werden. Da Fuji die Produktion des Superia 800 gestoppt hat, bleibt nur noch der Griff zum Fuji Venus 800 in der gleichen Empfindlichkeitsklasse. Und in dieser Klasse finden wir den Venus sogar besser als den Superia 800. Die Körnigkeit ist vergleichbar, die Farben sind Fuji typisch leicht kühl (die Portra Filme sind leicht gelblich-wärmer). Dieser Film bietet unter Tageslicht ebenfalls exakte 800 ASA. Der Belichtungsspielraum ist allerdings nicht so groß wie beim Kodak Portra 800. Eine Blende mehr dankt der Venus 800 mit etwas feinerem Korn und höherer Sättigung. Bei zwei Blenden mehr wirkt die Farbsättigung im Bereich der Hauttöne unnatürlich rötlich. Eine Unterbelichtung auf 1600 ASA wirkt sich deutlich auf den Kontrast und die Körnigkeit aus: Der Venus zeigt dann grobes Korn und einen starken Kontrast bei flauer Farbsättigung.

Stark ist der Venus 800 bei Anwendung unter Kunstlichtbedingungen. Misch- und Kunstlicht verarbeitet dieser Filme ohne allzu große Einbußen der Filmempfindlichkeit. Dennoch sollte unter solch kritischen Lichtbedingungen eine leichte Überbelichtung vorgenommen werden. Der Operator am Scanner wird es danken.

Hochempfindliche Filme

Neben den gerade beschriebenen Filmen lassen sich mit hochempfindlichen Filmen und ggf. einer angepassten Belichtung und Entwicklung ebenfalls grandiose available light Projekte überzeugend und ausdrucksstark fotografieren.

Kodak TX400

Der Kodak TriX 400 ist ebenfalls eine Legende. 1954 erblickte dieser Film das Licht der Welt und überzeugte sofort Millionen von Fotografen. Dieser Film basiert auf einer klassischen Emulsion mit kubischen Silberkristallen. Vorteil: Der Film arbeitet, je nach Entwickler, sehr ausgleichend in den Schatten und Lichtern. Wir empfehlen eine Belichtung von 320 bis 400 ASA. Der Kodak TX400 kann von 200 bis 1600 ASA ohne Probleme belichtet und forciert entwickelt werden.

Unter schlechten Lichtbedingungen sind 1600 ASA überhaupt kein Problem. Der Kontrast wird allerdings deutlich steiler als bei Nennempfindlichkeit. Wie sein Pendant aus England, dem Ilford HP5, nimmt die Körnung in dieser hohen Empfindlichkeit nur gering zu. Jedoch erzielt man mit diesem Film einen völlig anderen Look im Vergleich zu einem Ilford Delta 3200 bei gleicher Empfindlichkeit von 1600 ASA. Je nach Belichtung lässt sich der Kontrast noch überzeugend steuern, ohne das beispielsweise Lichter zu sehr ausfressen. Weicher arbeitet nur der Delta 3200.

Kodak TMax400

Die TMax Filme sind Flachkristallfilme, die mit einer höheren Auflösung und feinerem Korn glänzen. Allerdings ist der Belichtungsspielraum kleiner im Vergleich zu einer klassischen Emulsion. Die Filme arbeiten recht linear, was der Zonenfotografie sehr entgegenkommt. Dennoch lässt sich auch der TMax 400 sehr gut auf 1600 ASA belichten und angepasst entwickeln. Jedoch fällt der Kontrast höher aus und die Schatten, respektive Lichter, werden in den Tonwerten beschnitten. Schatten sind daher schneller ohne Zeichnung und Lichter fressen schneller aus.

Ilford HP5

Der Konkurrent zum Kodak TX400. Der Ilford HP5 hat einen völlig anderen Look als der TX400 und unterscheidet sich dadurch deutlich vom Kodak TX400. Die Technik und der Belichtungsspielraum sind jedoch identisch. Wir empfehlen eine Belichtung von 400 bis 640 ASA. Ohne eine angepasste Entwicklung sind auch 800 ASA möglich.

Unter widrigen Lichtbedingungen kann der Ilford HP5 völlig problemlos bei 1600 ASA belichtet werden. Der Kontrast ist in dieser Empfindlichkeitsstufe etwas niedriger als beim TX400. Auch 3200 ASA sind möglich. Jedoch sollte hier die Belichtung immer auf die Schatten erfolgen. Die Körnung bleibt, wie beim Kodak TX400, immer noch sehr fein.

Ilford Delta 400

Prinzipiell gilt für den Ilford Delta 400 gleiches wie oben für den Kodak TMax 400 beschrieben wurde. Als Flachkristaller eignet sich der Delta 400 bestens für den Einsatz des Zonensystems. Die Grauwertumsetzung wirkt anders als beim Kodak TMax 400. Hier entscheidet der persönliche Geschmack. Wie beim HP5 empfiehlt sich eine Belichtung auf 400 oder 640 ASA. 800 ASA können ohne push problemlos eingesetzt werden.

Kodak Portra 400

Dieser Film ist die Eier legende Wollmilchsau im Filmuniversum. Wie der lichtstarke Bruder, der Kodak Portra 800, bietet der Portra 400 einen enormen Belichtungsspielraum. Auf Nennempfindlichkeit belichtet, bietet der Portra 400 ausgeglichene Farben und einen schönen Kontrast. Die Körnung ist moderat, die Farbgebung Kodak typisch leicht gelblich-warm.

Dieser Film kann bei 800 ASA verwendet werden, wenn ein Moody-Look mit erhöhtem Kontrast gefragt ist. Die Körnung nimmt hier rapide zu, die Farbsättigung ab und der Kontrast steilt auf. Mit diesem Film kann ebenfalls ein Pastell-Look erreicht werden, der an dieser Stelle aber nicht Thema ist. Mehr dazu hier: https://www.meinfilmlab.de/der-pastell-look/

Fuji Pro400H

Bedingt für die available light Fotografie geeignet ist der Fuji Pro400H Film. Dieser Film ist ein exzellenter Film im Bereich Porträt und Hochzeitsfotografie. Jedoch entfaltet dieser Film seine Stärken erst bei einer Überbelichtung. Der Fuji Pro400H ist ein lichthungriger Film, für den wir eine Belichtung unter 200 ASA empfehlen. Wird dieser Film mit 400 ASA belichtet, glänzt er zwar mit einem sehr scharfen Korn, die Farben sind jedoch grünlich kühl mit einer Tendenz zu Magenta.

Sonderfälle

CineStill 800

 

Derzeit im Bereich der Kunstlichtfotografie ist der CineStill 800 sehr beliebt. Zu diesem Film schrieb Ivan Slunjski einen sehr interessanten Blogartikel, auf den wir an dieser Stelle verweisen: https://www.meinfilmlab.de/cinestill-800-belichten/.

Bildbeispiele:

Fuji Venus 1600

Fuji Venus 1600

Ilford Delta 3200 @1250

Kodak Portra 400 @800

Kodak TX400 @1600

Kodak Portra 800 @1600

Kodak Portra 800 @800

Fuji Venus 800 @800

Fuji Natura 1600 @1600

Kodak Portra 800 @1600

Fuji 400H @400

Kodak TX400 @400

Ilford Delta 3200 @1600

CineStil 800 @800

Kodak Portra 800 @800

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