Einführung in die analoge Nachtfotografie - Mein Film Lab

Text und Fotos von Sebastian Schlüter

Es erfüllt mich nach vielen Jahren immer noch mit großer Freude, in der Dunkelheit Fotografieren zu gehen. Mittlerweile ist eine alte Hasselblad Kamera mein steter Begleiter geworden und die Bilder werden nicht mehr, wie zu Beginn meines Abenteuers digital, sondern analog auf Film aufgenommen. Sobald die letzten Sonnenstrahlen am Himmel zu sehen sind, beginnt eine spannende Zeit, die mit dem Sonnenaufgang endet.

Als mich Jörg um ein paar Zeilen für den MeinFilmLab Blog zum Thema Nachtfotografie bat, habe ich sehr gerne eingewilligt und erst später gemerkt, wie komplex und vielseitig dieses Thema ist. Ich habe mir vorgenommen nicht zu tief ins Detail zu gehen, aber dennoch allen, die sich für diese Thema interessieren, praktische Tipps und Hilfen mit auf den Weg zu geben.

Warum sollte man denn nun überhaupt in der Nacht fotografieren? Auf mich üben Landschaften, Straßenzüge und Gebäude bei Nacht einen ganz besonderen Reiz aus. Die Sterne, der Mond, die Straßenlaternen und Leuchtreklamen, der Kontrast zwischen Tag und Nacht, von belebten Plätzen, auf denen sich tagsüber tausende von Menschen tümmeln, und den menschenlosen Schauplätzen bei Nacht, war für mich immer schon ein besonders spannendes Motiv. Wir sind es gewohnt, unsere Umgebung bei Tag zu sehen. Eine Fotografie dieses bekannten Motivs bei Nacht, eröffnet dem Betrachter eine neue Welt.

Viele Fotografen, die sich mit Nachtfotografie oder Langzeitfotografie beschäftigen, haben Jahre lang auf das Medium Film gesetzt. Bis vor kurzem waren moderne digitale Kameras mit CCD Sensoren ausgestattet, die ein starkes Rauschen bei Langezeitaufnahmen aufweisen. Film hat zwar das berühmte Korn, dies wird aber bei langen Belichtungszeiten nicht verstärkt und deshalb ergibt sich bei Filmaufnahme keine Einschränkungen im Bezug auf die Belichtungszeit. Die neuste Generation von digitalen Kameras verfügen über CMOS Sensoren, was sie für Langzeitbelichtungen deutlich geeigneter macht.

Dennoch bleibt die Schönheit einer Langezeitbelichtung auf Film. Die Anmutung, die Verteilung der Tonwerte und gewollte Verschiebung der Farben, machen eine analoge Nachtaufnahme etwas ganz besonderes. Doch es sind nicht nur ästhetische Aspekte, die für das Medium Film sprechen. Besonders die Abbildungsmöglichkeiten des hohen Kontrastumfangs einer nächtlichen Szene, zeigen die Vorteile von Farbnegativfilm. Die Belichtung kann in einem gewissen Rahmen so gewählt werden, wie es der kreativen Bildidee entspricht und häufig bekommt man dennoch keine Probleme mit überbelichteten Highlights.

Filmwahl

Wie geht man nun vor, um gelungene Nachtaufnahmen auf Film zu verewigen? Zunächst wäre da die Wahl des Filmmaterials. Es stehen uns Diafilm, Farbnegativfilm und S/W Negativfilm zur Verfügung. Jeder Film weist andere Charakteristiken auf, die bei der Belichtung beachtet werden müssen. Meine Wahl fällt schon seit längerem auf Farbnegativfilm und hierbei speziell auf Kodak Portra 400 oder 160. Diese Filme eigen sich speziell fürs Scannen und bieten einen hohen Belichtungsspielraum, der die Arbeit mit wenig Licht etwas einfacher macht. Natürlich eignen sich auch andere professionelle Filme für Nachtaufnahmen. Von Billigfilmen würde ich eher abraten. Natürlich liegt diese Wahl beim Fotografen und dem angestrebten Qualitätsanspruch bzw. der gewünschten Bildwirkung. Die Wahl des richtigen Films ist immer auch eine künstlerische Entscheidung.

Belichtungsmessung

Für schöne Nachtaufnahmen gibt es natürlich einiges zu beachten. Grundsätzlich reagiert Film auf Licht und bei Nacht, müssen wir entweder Licht bzw. belichtete Objekte suchen, oder den Verschluss der Kamera so lange offen lassen, bis wir genügen vorhandenes Licht gesammelt haben. Ein gutes und sehr stabiles Stativ ist hierfür unverzichtbar. Es ergeben sich schnell Belichtungszeiten von weit über einer Minute bis hin zu mehreren Stunden. Üblich sind dies ultra langen Zeiten jedoch nicht. Meist belichte ich Farbnegativfilm für 40 Sekunden bis hin zu 10 Minuten, denn je nach Helligkeit des Motivs ergeben sich andere Werte. Trivial ist die Bestimmung des genauen Wertes nicht, man sollte aber daraus auch keine Wissenschaft machen. Es ist gut wenn man mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt. Auch bei Nacht sind Gebäude oder Objekte häufig gut ausgeleuchtet und die Belichtungszeiten werden dadurch deutlich kürzer. Anders verhält es sich, wenn man auf den Mond oder andere schwache Lichtquellen angewiesen ist. Ein Belichtungsmesser ist bei nächtlichen Exkursionen eine wichtige Hilfe. Für die Belichtungsmessung bei Nacht empfehle ich einen Handbelichtungsmesser oder alternativ einen Spot-Belichtungsmesser. Mit etwas Übung kann man auch mit „Exposure Values“ arbeiten. Typische Werte für Nachtaufnahmen reichen von einem „EV -1“ für leicht beleuchtete Szenen bis zu einem „EV 4“ für stärker beleuchtete Szenen. Der „EV Wert“ beschreibt einen absoluten Helligkeitswert, der anhand einer Tabelle in eine Blenden-Zeit-Kombination überführt wird. Diese Methode eignet sich besonders gut für einen Plausibilitätscheck. Ein „EV +1“ ergibt beispielsweise für eine Aufnahme mit Blende 8 eine Belichtungszeit von 15 Sekunden bei einer Empfindlichkeit von ISO 200. Sollten die gemessenen Werte signifikant von den geschätzten Werte abweichen, ist es sinnvoll, erneut zu messen, um eine fehlerhafte Messung ausschließen zu können.

Die Handhabung eines Belichtungsmessers ist speziell bei wenig Licht nicht trivial. Viele Geräte funktionieren bei sehr wenig Licht nicht mehr. Generell wird mit einem Handbelichtungsmesser das Umgebungslicht am Motiv zur Kamera hin gemessen. In vielen Situationen sind die Motive weit entfernt und eine Messung des Umgebungslicht ist nicht möglich. Obwohl sie die zuverlässigste Methode der Belichtungsmessung für Farbnegativfilm bei Nacht darstellt, scheidet sie deshalb in vielen Fällen aus. Eine gute Alternative bietet die Spot-Belichtungsmessung auf die Schattenbereiche eines Motivs. Bei Verwendung von Farbnegativfilm sind die Glanzlichter im Normalfall unkritisch und somit muss man, um eine Unterbelichtung zu vermeiden, stets die Schattenbereiche als Referenz wählen. Die Belichtung wird also so gewählt werden, dass genügend Zeichnung in den Schatten vorhanden ist. In Anlehnung an das Zonensystem sollte somit der gemessene Wert mit einem Spotbelichtungsmesser mindestens auf Zone III eventuell sogar auf Zone IV gelegt werden. Der resultierende Wert sichert eine ausgewogene Belichtung für die gesamte Aufnahme.

Beispiel

Die Messung der Schattenbereiche eines Motivs haben einen EV Wert von -1 ergeben. Da dieser mindestens auf Zone III gelegt wird ergibt sich für die Belichtungszeit des Motivs ein Wert von „EV+1“ (Zone V). Die Zone V entspricht einem mittleren Grauwert und liegt zwei Belichtungsstufen über Zone III. In diesem Beispiel ergibt sich die oben erwähnte Belichtungszeit von 15 Sekunden bei einer Blende f/8.

Schwarzschildeffekt

Bei der Bestimmung von Belichtungszeiten für Filmaufnahmen muss man das Phänomen des sog. Schwarzschildeffektes (Link
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzschild-Effekt
) kennen. Dieser besagt, dass ab einem bestimmten Wert, die Dichtezunahme nicht mehr proportional zur Belichtungszeit erfolgt. Diese Daten werden meistens im Datenblatt des Films angegeben. In der Praxis heißt dies, dass die gemessene Belichtungszeit meistens um einen bestimmten Wert korrigieret werden muss. Es ist sinnvoll sich diese Werte zu notieren. Ich habe über längere Zeit verschiedene Werte ausprobiert und mir eine eigene Tabelle erstellt. Dies erleichtert einem die Arbeit deutlich.

Beispiel

Um bei dem bereits aufgeführten Beispiel zu bleiben, muss die ermittelte Belichtungszeit von 15 Sekunden noch korrigiert werden. Aus dem Datenblatt des Films kann man die korrigierte Zeit entnehmen. Für einen Kodak Portra 400 wäre dies eine neue Zeit von 40 Sekunden (überprüfen!!!). Allein dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, diese Korrektur anzubringen.

Die Verschiebung der Proportionalität wirkt sich nun nicht auf alle Schichten eines Films gleichermaßen aus. Somit kommt es zusätzlich zu Farbverschiebungen, die später nur bis zu einem bestimmten Maß während des Scanprozesses oder beim Drucken korrigiert werden können. Für mich ist diese Verschiebung ins Surreale einen Eigenschaft, die das Fotografieren mit Film bei Nacht so spannend macht.

Aufnahmetechnik

Für Nachtaufnahmen ist es allerdings nicht allein entscheiden, die Belichtungszeit korrekt zu berechnen, auch die Wahl der Blende sollte wohl bedacht sein. Sie trägt erheblich zum späteren Bildausdruck bei. Eine weit geöffnete Blende bietet den Vorteil, dass mehr Licht auf den Film trifft und wir kürzer belichten können, allerdings muss mit der geringeren Schärfentiefe gearbeitet werden. Ein weiterer Aspekt ist die Art und Weise wie Lichtsäume um Lichtquellen herum dargestellt werden. Bei offenen Blenden ergibt sich ein kreisförmiger Lichthof um die Lichtquelle, die sich bei weiterem Abblenden zu einer sternförmigen Lichtquelle wandelt. Diese sternförmigen Lichthöfe sind als sog. „Star Bursts“ bekannt. Ich empfehle mit der Wahl der Blendeneinstellung zu experimentieren. Für meine Aufnahmen verwende ich häufig eine Blende f/8, welche eine guten Kompromiss bzgl. der genannten Aspekte darstellt.

Wie bereits erwähnt, beeinträchtig unsere Wahl der Arbeitsblende, die Ausdehnung der Schärfentiefe im späteren Bild. Die Ermittlung der Arbeitsblende für ein Nachtmotiv ist deshalb schwierig, weil das Motiv unter umständen nur sehr schwach auf der Mattscheibe erscheint und die manuelle Fokussierung schwierig ist. Kameras mit Autofokus werden ggf. ebenfalls Schwierigkeiten haben, den gewünschten Bildausschnitt scharf zu stellen. Grundsätzlich ist es einfacher heller Bildbereiche zu fokussieren, als dunkle Bereiche des Bildes. Teilweise muss man Entfernungen schätzen, um arbeiten zu können. Prinzipiell, wird die Arbeitsblende mit Hilfe einer Tiefenschärfe Skala am Objektiv ermittelt. Leider haben nicht alle Objektive eine solche Skala. Zunächst wir auf den entferntesten Punkt, der noch im Schärfebereich liegen soll, scharf gestellt und der Wert notiert. Danach wird dieser Prozess für den Nahpunkt wiederholt. Die Arbeitsblende wird dann so gewählt, dass die beiden ermittelten Werte innerhalb des Schärfentiefebereichs liegen.

Eine weitere Möglichkeit, die speziell bei sehr schwach beleuchteten Motive hilft, ist die Fokussierung auf die Hyperfokaldistanz. Eine Erklärung zu dieser Technik, würde nun aber endgültig den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Zu Beginn des Artikels habe ich bereits die Bedeutung eines stabilen Stativs angesprochen. Es ist zusätzlich unersetzlich einen Drahtauslöser o.ä. zu verwenden. Die Erschütterung beim Auslösen des Verschluss, kann jede Langezeitbelichtung unbrauchbar machen. Allerdings ist ebenfalls darauf zu achten, dass während der Belichtung das Stativ nicht bewegt wird. Das klingt einfacher als gedacht, denn häufig kommt es z.B. auf Brücken zur Erschütterungen, die man nicht erwartet. Ebenso ist auf einen festen Untergrund zu achten, so kann ein stetig im Sand einsinkendes Stativ keine scharfe Aufnahme liefern. Die Möglichkeit vieler Kameras der Spiegelvorauslösung sollte ebenfalls in Betracht gezogen werden.

Motivauswahl

Zum Abschluss meines Beitrags, möchte ich noch auf die Wahl des Motivs eingehen. Grundsätzlich unterliegt ein Motiv den gleichen kompositionellen Ideen, ob es nun bei Tag oder Nacht aufgenommen wird. Häufig verbergen sich in der Dunkelheit kompositionelle Fallen, die unserer Aufmerksamkeit entgehen. Eine genaue Analyse der Umgebung und des Bildinhalts ist deshalb sehr wichtig, denn Gegenstände, die sich in der Dunkelheit verbergen, kommen ggf. bei längeren Belichtungszeiten ans Licht und können eine wunderbare Komposition ruinieren. Interessant ist der Kontrast von Licht und Dunkelheit. Ein Motiv ohne Lichtelement kann schnell langweilig erscheinen. Besonders interessant ist oft das Arbeiten mit verschiedenen Farbtemperaturen. Ein hell und warm erleuchtetes Fenster in einem kühlen bläulichen Umgebungslicht wirkt z.B. besonders spannend und zieht den Betrachter in seinen Bann.

Mit diesem kurzen Einblick in die Motivauswahl schließe ich meinen Beitrag. Es würde mich sehr freuen, wenn ich einige Leser dazu animiert habe, selbst bei Nacht Fotografieren zu gehen, um die Welt auch mal bei Dunkelheit zu erkunden. Viel Spaß!

Die Bilder in diesem Artikel stammen aus meiner neuen Serie „Tiger Striped Skies“ (Link) und wurden zum Teil mit einer Hasselblad 500cm und einer Rolleiflex 3.5F auf Kodak Portra 400 bzw. 160 aufgenommen.

Wir bedanken uns bei Sebastian für den grandiosen Blogeintrag. Mehr von ihm gibts hier: http://www.sebastian-schlueter.com/

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