Daniel Boklage ist Kreativdirektor und Autor für Unternehmenskommunikation. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Ideenentwicklung und die Kreation audiovisueller Medien. Zur Fotografie ist er durch seine frühere Tätigkeit als Filmemacher und seine jetzige Rolle als Familienvater gekommen. Und wenn man ihn fragt, wo da die Verbindungen liegen, dann lautet die Antwort, dass “es immer um Menschen und fast immer ums Geschichtenerzählen” geht.

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Kein fertiges Projekt

Wir hatten die Gelegenheit mit Daniel über sein laufendes Projekt “Karpfenland – Portrait einer Kulturlandschaft” zu sprechen. In den schwarzweißen, bisweilen melancholischen und unheimlichen Fotografien geht es um Heimat, um unsere Beziehung zur Natur und darum, wer wen in diesen Geschichten mehr prägt.

Daniel, was ist die Geschichte von Karpfenland?

Zum einen ist es die Geschichte einer Kulturlandschaft. Ich hab’ mal gelesen, das Karpfenland, also der fränkische Aischgrund, sei da, wo “Teichwirtschaft Weiherlandschaft schafft”. Und das trifft es ganz gut. Es ist schon Landschaft, also im Sinne eines Naturbegriffs. Nur eben eine menschengemachte Natur. Keine Ur- oder Wildnis-Landschaft mehr, aber auch noch keine Wirtschafts- oder Siedlungslandschaft. Und genau dieses halb-halb, diesen Scheidepunkt, finde ich inspirierend und auch ästhetisch.

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Und “zum anderen”?

Ist es eine Geschichte über das Projekt selbst. Es entwickelt Kapitel für Kapitel seine eigene Dramaturgie. Von den ersten Gedanken, die noch recht konzeptionell waren, über zwei, drei Fototage, an denen wichtige Schlüsselbilder entstanden sind, bis heute, wo ich immer klarer sehe, warum ich diese Bilder mache und wie ich sie einmal zusammenstellen möchte – da passiert etwas. Inwiefern dieser Teil der Geschichte aber für ein Publikum interessant ist, das weiß ich noch nicht. Mal schauen.

Immerhin sind wir über diesen Teil der Geschichte in Kontakt gekommen.

Ja ok, das stimmt. Du meinst die Website für ein Buch, oder?

Genau. Worum geht es da?

Mir war früh klar, dass ich ein Buch machen möchte. Weil mir das serielle Erzählen liegt. Beim Filmemachen habe ich es immer geliebt, im Schnitt zu sitzen. Die Emotionen, die entstehen wenn Bild auf Bild folgt – diese kleinen Momente der Überraschung, mit denen man das Publikum führt – die finde ich bis heute faszinierend. Und die funktionieren genauso in einem Fotobuch. Jedes Umblättern ist ein Schnitt mit dem man Rhythmus erzeugen kann und Gefühle.

Nach einiger Zeit wurde mir aber auch klar, dass die “Schnittregeln” in einem Buch andere sind. Also musste ich anfangen, ein Gefühl dafür zu entwickeln – und mich auch mehr mit meinem Material auseinandersetzen. So fing das mit der Website an. Und da hab ich dann weniger über mein Buch, aber viel über meine Fotografie gelernt.

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Klingt wie eine Learning by Doing Reise ins Unbekannte.

Kann man so sagen. Die Erkenntnisse kommen mit der Arbeit. Zum Beispiel hab ich beim Schreiben eines Artikels über das Karpfenland was entdeckt, das mich seither beschäftigt. Das Unterbewusste. Danach suche ich glaube ich. Weil es spannend ist. Ein bisschen mysteriös. Oscar Wild hat gesagt, “es sei die Ungewissheit, die uns reize. Und dass ein Nebel die Dinge wunderschön mache.”

Dieser Nebel taucht in meinen Bildern häufig auf. Aber er steht auch zwischen mir und den Bildern. Zwischen meinen Ideen und meinem Unterbewusstsein, wenn man so will. Manchmal schaffe ich es, der Intuition die Kontrolle zu überlassen. Dann entstehen die Bilder, nach denen ich suche. Bilder, die auf den ersten Blick, wenn sie von euch aus dem Labor zurückkommen, gar nicht “die Starken” sind, die aber dann mit der Zeit regelrecht auftauchen und bleiben. Schwierig das zu beschreiben. Ich glaube, ich versuche zu trainieren, dass mein Unterbewusstsein den Auslöser drückt, um Bilder zu machen, die nicht durchdacht, sondern durchfühlt sind.

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Trainieren, wie das?

Keine Ahnung. Haha. Meine Theorie geht ungefähr so: Wenn ich mein Gehirn mit ganz, ganz vielen Bildern, Gedanken und Emotionen füttere, dann speichert mein Gehirn das alles und indexiert und verlinkt das in meinem Unterbewusstsein. Und umso mehr Querverweise da drin sind, desto besser “trainiert” ist mein Unterbewusstsein, um im entscheidenden Moment auszulösen. Eine pseudo-neurowissenschaftliche Abwandlung von Jay Maisel Zitat “If you want to make more interesting pictures, become a more interesting person” sozusagen. Keine Ahnung ob das alles Sinn ergibt, aber momentan führt mich das zu meinen Bildern. Und es rechtfertigt den Kauf von Fotobüchern.

Welches waren die letzten drei?

Robert Adams, Time Passes und Gone. Michael Schmitt, Natur. Und Gary Green, The River is Moving. Ok, das waren vier.

Und gibt es schon erste Trainingserfolge?

Unterbewusst vielleicht 😉 Was mich beeindruckt ist in jedem Fall die Leichtigkeit dieser Bilder. Da spürt man die Trainingsjahre. Und man bekommt Demut.

Ok, kommen wir mal zu deinen Bildern. Du hast eben gesagt, sie sollen “durchfühlt” sein. Deshalb auch die Arbeit auf Film?

Ja.

Verstehe.

Gut.

Ich weiß.

Ok, gewonnen. Film ist magisch. Ich hab’ viele Filme ausprobiert. Und beim Delta 3200 bin ich dann hängengeblieben. Da reagiere ich regelrecht körperlich. Die Texturen der Landschaft, das Organische des Wassers, des Nebels und der nassen Erde, das alles wird durch das Korn wundervoll betont. Ich habe bei einigen Bildern selbst am Monitor das Gefühl, sie seien aus Samt. Da kribbelt mir der Nacken.

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Du sprichst viel von Gefühlen und wir haben beim Betrachten Deiner Bilder auch den Eindruck, dass viel von Deinen Emotionen in den Bildern enthalten ist. Aber ganz ehrlich: die fröhlichsten Bilder der Welt sind es nicht. Hat das auch was mit der Pandemie zu tun?

Mhm…, vielleicht ein bisschen. Aber einen Sinn fürs Morbide hatte ich schon immer. Ich mag die Ästhetik des Ruhigen, Dumpfen und Zähen. Diese leicht verbrämte, romantische Stimmung, die mich wie eine Schmerztablette sediert. In der für kurze Zeit alles gut ist. Ein trügerischer Frieden. Aber Frieden. Ich hab’ eben schonmal Oscar Wilde zitiert. Von ihm gibt es noch ein Zitat, dass da gut passt. Ich recherchier’ das, und schicke es dir.

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Der Tod muss so schön sein. In der weichen braunen Erde zu liegen, während das lange Gras über einem hin und her schwankt, und der Stille zu lauschen. Kein Gestern, kein Morgen haben. Die Zeit vergessen, dem Leben verzeihen, in Frieden sein.

Klingt ein bisschen nach Realitätsflucht, oder?

Null. Beziehungsweise – kommt drauf an, wie man es sieht. Was ist real? Ich finde das Realste was es gibt sind unsere Gefühle. Wenn ich etwas empfinde, wenn ich von meinen Emotionen überwältigt werden, dann “spüre” ich das Leben. Selbst im Traum. Für mich ist diese romantische Sicht keine Flucht vor der Realität, sondern wenn eine Flucht in die Realität. Und die Fotografie ist da einer meiner “Fluchthelfer”. Genauso wie bestimmte Aufgaben in meinem Job “Fluchthelfer” in eine euphorische Realität sind, oder aber meine Kinder und meine Frau “Fluchthelfer” in eine von Liebe geprägte Realität sind.

Überhaupt, ich glaube fest daran, dass es an der Zeit ist, von den kreativen Disziplinen zu lernen. Und zwar für eine bessere Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Zusammenhang bin ich vor kurzem auch über den Begriff “Künstlerische Intelligenz” gestolpert. Das triggert mich sehr.

Und wie geht es jetzt mit Karpfenland weiter? Ist das Buch schon in Arbeit?

Nein, das wird noch etwas dauern denk’ ich. Die Website hat mir geholfen einige Dinge zu erkennen. Unter anderem, dass Menschen der Geschichte gut tun und dass mir da noch einiges fehlt.

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Ich hab mich bisher nicht getraut näher ranzugehen. Aber das möchte ich jetzt. Ich möchte in die Wirtshäuser, zu den Teichwirten, in den Alltag. Nur so kann es am Ende, bei aller persönlicher Interpretation, ein authentisches Portrait dieser Kulturlandschaft werden.

Daniel, Danke für das Interview und viel Erfolg! Wir freuen uns schon auf deine Filme 🙂

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